Titel

Das Wort "Leitkultur" gehörte bis vor kurzem noch nicht zum allgemeinen deutschen Sprachschatz. Am 10. Oktober 2000 haben nun Deutschlands Christdemokraten, vertreten durch Friedrich Merz, ihren Fraktionsvorsitzenden im Deutschen Bundestag, diesen Begriff als "deutsche" Leitkultur in die öffentliche Diskussion gebracht. Sie haben damit ein Medieninteresse geweckt, mit dem sie selbst nicht gerechnet hatten.

Als der Begriff bereits schlagwortartig durch zahlreiche Zeitungsartikel und Fernsehinterviews geisterte, fiel auch seinen Propagandisten auf, dass niemand genau weiß, was mit "Leitkultur" eigentlich gemeint ist. Das Zusammenfügen von zwei Wörtern zu einem neuen Begriff, eine beliebte Eigenart der deutschen Sprache, ergibt leider nicht automatisch einen einheitlichen neuen Sinn, schon gar nicht, wenn dabei ein so vielschichtiger Begriff wie "Kultur" verwendet wird. In einem solchen Fall wird der neue Begriff zur Worthülse, in die vieles hineingelegt werden kann, was bei seiner ersten Äußerung gar nicht beabsichtigt war.

So mussten sich die Verantwortlichen der CDU von Paul Spiegel, dem Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, am 9. November 2000 vor dem Brandenburger Tor in Berlin vorwerfen lassen, mit dem Begriff "Leitkultur" eine populistische Sprache zu sprechen und leichtfertig verbal zu zündeln:

"Meine Damen und Herren Politiker: Überlegen Sie, was Sie sagen, und hören Sie auf, verbal zu zündeln!"

(Die Welt, Berlin 11.11.2000, Seite 3)

Spiegel vermutet, dass jemand, der Leitkultur propagiert, eine Hierarchie der Kulturen voraussetzt, und damit dem Rechtsextremismus und der Intoleranz ein gefährliches Stichwort liefert.

Der amtierende Bundeskanzler Gerhard Schröder sah das etwas gelassener. Er soll an die Adresse der CDU gesagt haben:

"Ihr braucht keine Debatte über Leitkulturen, sondern eine über den richtigen Leithammel"

(Zitat der Woche, BILD am SONNTAG, Hamburg 5.11.2000, Seite 4)

Um weiteren Ärger oder auch Spott zu vermeiden, sind die Verfechter der deutschen Leitkultur nun fieberhaft bemüht, einen passenden Inhalt für ihre missverständliche Worthülse zu finden. Dabei wird gerne die christlich-abendländische Werteordnung bemüht. Sie soll zum wesentlichen Inhalt der "Leitkultur" werden.

Damit aber ist das Problem nicht gelöst. Zum einen wäre dann immer noch zu klären, was die christlich-abendländische Werteordnung eigentlich ist. Vor allem aber möchten wir wissen, wer jeweils bestimmt, was dazu gehört. Zum andern bleibt die Frage, wie weit die leitende Funktion einer solchen Kultur greifen soll. Gehört zur Kehrseite dieser Funktion dann auch Stimmungsmache gegen nichtchristliche oder nichtabendländische Kulturgüter?

Wer sich in Deutschland an deutsches Recht hält, sollte seine Kultur frei aussuchen und frei nach ihr leben können. Was zur Integration von Zuwanderern notwendig erscheint, kann gesetzlich geregelt werden und damit verbindlich sein. Wer darüber hinaus noch Werte vermitteln will, der sollte sie attraktiv darstellen, zwanglos anbieten und am besten noch beispielhaft vorleben.

Wer auf diese Weise für eine Kultur sorgt, der sich auch Zugewanderte gerne und freiwillig anschließen, der wird genau das erreichen, was die besonnenen Verfechter einer "Leitkultur" eigentlich wollen. Ob sie dann aber mit diesem Schlagwort den richtigen Griff getan haben, wird sich noch herausstellen müssen.

Die bisherigen christdemokratischen Definitionen von "Leitkultur" sind wenig überzeugend. Zudem wird der Begriff von seinem ursprünglichen Verfechter, dem aus Syrien zugewanderten Politologen Bassam Tibi, in eine ganz andere Richtung interpretiert.

Dazu einige Anmerkungen:


Christliche Werte unserer abendländischen Kultur

Abendländisch könnten wir als die Summe und gegenseitige Beeinflussung der nationalen europäischen Kulturen verstehen, und als das, was heute als Ergebnis dieser Entwicklung wirksam ist.

Was aber ist christlich?

Ist damit etwas anderes gemeint, als das, was die Mehrzahl auch der nichtchristlichen Menschen heutzutage für gut und vernünftig hält? Dann brauchten wir den Zusatz "christlich" nicht.

Ist damit etwa auch gemeint, was früher einmal gegen die christliche Werteordnung durchgesetzt werden musste, etwa die freie Forschung oder die freie Meinungsäußerung? Es ist zwar längst vergessen, aber die christliche Werteordnung hat sich manche ursprünglich nichtchristlichen Werte zu Eigen gemacht, die erst einmal mit dieser Ordnung bekämpft wurden. Bei genauerem Hinsehen würden vielleicht nicht viele von den heute beschworenen Werten übrigbleiben. Dann aber ist der Zusatz "christlich" nicht ganz ehrlich.

Gibt es denn jemand, der eine wirklich christliche Wertordnung einfordert? Der müsste erst einmal nachsehen, was Jesus Christus in der Bergpredigt empfiehlt. Manche Bibelkenner meinen, dass diese Lehren den eigentlichen Kern des Christentums bilden. Ihre Umsetzung als Werteordnung hat im Abendland noch nie jemand ernsthaft als Kulturbeitrag angeboten. Wer es heute versuchen würde, kann davon ausgehen, dass er selbst von Christen ausgelacht würde.

Oder ist jemand bereit, die andere Wange hinzuhalten, wenn er auf die eine geschlagen wird? Ist jemand bereit, sein Hemd herzugeben, wenn ihm der Mantel genommen wird? Ist jemand bereit, zwei Meilen mitzugehen, wenn er zu einer Meile gezwungen wird?

Das alles gibt es nicht in der angewandten christlichen Kultur, und eine solche Werteordnung hat auch niemand im Sinn, der von Leitkultur spricht. Andere wesentliche Empfehlungen werden ebenfalls ignoriert. Ein christlicher Politiker würde zum Teufel gejagt, wenn er damit anfangen würde, seine Feinde zu lieben. Schon wer mit dem politischen Gegner freundschaftlich kooperiert, macht sich unbeliebt. Das gilt auch dann, wenn jemand ganz im Sinne des Gemeinwohls auf der anderen Seite mitarbeitet, etwa bei der Vorbereitung zur gesetzlichen Regelung der Zuwanderung.

Was also ist christlich?

Wir sehen: Wenn von christlichen Werten gesprochen wird, ist das Definitions-Problem nicht gelöst. Es ist nur verlagert. Den Christdemokraten scheint aber viel daran zu liegen, dass die Worthülse "Leitkultur" erst einmal ein Etikett bekommt, ein religiöses Markenzeichen, mit dem sich eine bestimmte politische Gruppierung identifizieren kann, auch wenn das nicht viel zum Inhalt beiträgt.

Mit demselben Eifer haben Christdemokraten es erreicht, dass der Begriff "geistig-religiöses Erbe" in die Präambel zur Grundrechte-Charta der Europäischen Union aufgenommen wurde, vorgelegt im Dezember 2000 auf dem Gipfeltreffen zu Nizza. Das religiöse Erbe wird allerdings nur in der deutschen Textversion beschworen. In der für alle anderen Staaten der Union maßgeblichen französischen Version fehlt - auf ausdrücklichen Wunsch der Franzosen - gerade dieser Hinweis. Das hat etwas damit zu tun, dass in Frankreich Staat und Religion etwas konsequenter voneinander getrennt werden, nämlich so, wie es die Verfassung eines Staates gebietet, der sich religiös neutral verhalten will.

In der Arbeitsgrundlage für die Zuwanderungs-Kommission ihrer Partei vom 6. November 2000 weisen die deutschen Christdemokraten ebenfalls darauf hin, dass Deutschland zur "Wertegemeinschaft des christlichen Abendlandes" gehört und sprechen von "christlich geprägten Wertgrundlagen unserer freiheitlichen Demokratie". Von den Zuwanderern erwarten sie "Integration", und unter Integration verstehen sie, "dass die Werteordnung unserer christlich-abendländischen Kultur, die vom Christentum, Judentum, antiker Philosophie, Humanismus, römischen Recht und der Aufklärung geprägt wurde, in Deutschland akzeptiert wird. das heißt nicht Aufgabe der eigenen kulturellen und religiösen Prägung, aber Bejahung und Einordnung in den bei uns für das Zusammenleben geltenden Werte- und Ordnungsrahmen."

Der umstrittene Begriff "Leitkultur" erscheint erst im nächsten Absatz:

"Integration in diesem Sinne ist weder einseitige Assimilation, noch unverbundenes Nebeneinander auf Dauer. Multikulturalismus und Parallelgesellschaften sind kein Zukunftsmodell. Unser Ziel muss eine Kultur der Toleranz und des Miteinander sein - auf dem Boden unserer Verfassungswerte und im Bewusstsein der eigenen Identität. In diesem Sinne ist es zu verstehen, wenn die Beachtung dieser Werte als Leitkultur in Deutschland bezeichnet wird."

(Arbeitsgrundlage für die Zuwanderungs-Kommission der CDU Deutschlands, Berlin 6. 11. 2000; http://www.cdu.de:80/ueber-uns/buvo/pmueller/arbeitsgrundlage.htm , download 12.12.2000)

Hier ist also von Toleranz und Miteinander, von Verfassungswerten und der eigenen Identität die Rede. Leitkultur wird dann definiert als die Beachtung dieser Werte. Wenn damit nur die zuletzt genannten Verfassungswerte gemeint wären, brauchte man den Begriff Leitkultur nicht. Das könnte man einfach als Verfassungstreue oder als Einhalten der Verfassung bezeichnen. Für einen Begriff, der das Wort "Kultur" einschließt, wäre das zu wenig und ginge auch an der Sache vorbei.

Tatsächlich sind mit "Leitkultur" natürlich auch und vor allem die anderen Werte gemeint, auf die bereits vorher verwiesen wurde, nämlich die Werte "unserer christlich-abendländischen Kultur", zusammengefasst als "Werteordnung". Hier erscheint also der Begriff "Kultur", und an dieser Zuordnung muss die Definition der "Leitkultur" gemessen werden.

Nach christdemokratischem Verständnis ist unsere abendländische Kultur also zunächst einmal eine christliche Kultur. Dazu würden wir gerne wissen, was an unserer Kultur noch christlich ist und was nicht. Das Christliche könnte dann dem Nichtchristlichen gegenübergestellt werden. Wenn das Christliche überwiegt, dürfte von christlicher Kultur gesprochen werden, wenn nicht, sollte der Begriff redlicherweise nicht verwendet werden.

Um herauszubekommen, was an unserer Kultur christlich ist, könnten beispielsweise aktuelle Kulturgüter wie Bücher, Theaterstücke, Kinofilme, Fernsehbeiträge und Presseerzeugnisse begutachtet werden. Parallel zur Zuwanderungskommission könnte eine Unterkommission mit dieser Aufgabe betraut werden. Wenn die Zuwanderungskommission dann ihren Abschlussbericht vorlegt, könnte auch die Unterkommisssion ihr Ergebnis präsentieren. Ganz Deutschland dürfte darauf gespannt sein, welche Spuren das Christentum in all den genannten Kulturgütern hinterlassen hat, und wieviele christliche Ideen in ihnen heute noch wirksam sind.

So viel zur christlichen Kultur in Deutschland.


Islamisches Erbe im Abendland

Wir haben in der Arbeitsgrundlage gelesen, dass neben dem Christentum noch einige andere Größen unsere abendländische Kultur geprägt haben. Auffällig ist, dass der Islam dabei nicht erwähnt wird. Das kann nicht richtig sein.

Solange die spanische Kultur noch zur abendländischen Kultur gezählt werden darf, und solange nicht abgestritten wird, dass das Kalifat von Cordoba oder das Emirat von Granada über Jahrhunderte hinweg prägenden Einfluss auf die spanische Kultur und damit auf das gesamte europäische Erbe hatten, solange gebührt auch dem Islam ein wichtiger Platz unter den prägenden kulturellen Einflüssen auf das Abendland.

Arabische Wissenschaft und Kultur ist gerade durch den Islam zu außerordentlicher Blüte gebracht worden. Erst islamisch geprägte Araber waren in der Lage, die griechisch-römische Kultur aus den von ihr besetzten Gebieten zu verdrängen, nicht nur mit militärischen Mittel, sondern auch und insbesondere durch kulturelle Leistungen.

Venezianische, portugiesische und spanische Eroberer hatten arabische Seekarten und Navigatoren an Bord, als sie sich aufmachten, eine ihnen bis dahin unbekannte Welt zu entdecken. Ob gerecht oder ungerecht, der Reichtum, der daraufhin nach Europa floss, ist ohne islamisch-arabische Mitwirkung nicht denkbar. Dieser Reichtum wiederum hat dem ganzen Abendland auf allen Gebieten einen enormen Aufschwung gebracht.

Ohne die kulturellen Leistungen des arabischen Islam wäre gerade die Geschichte der Entdeckungen anders verlaufen. So hat also ausgerechnet der Islam nicht unerheblich dazu beigetragen, dass ein großer Teil der Welt von Europäern erobert werden konnte und bis heute abendländisch geprägt ist.

Zurück nach Europa:

Auch Bosnier und Kosovaren dürften sich zum Abendland zählen und werden es vermutlich nicht schätzen, wenn ihren zahlreichen islamischen Vorfahren ein prägender Einfluss abgesprochen wird. Falls der Balkan auch aus christdemokratischer Sicht zum Abendland gehört, und wenn beispielsweise die Küche einer ganzen Region als Kulturgut anzusehen ist, dann haben die christdemokratischen Vordenker auch hier eine islamische Prägung der abendländischen Kultur übersehen. Das werden selbst die Serben zugeben. Ebenso käme ein Spanier niemals auf die Idee, den erheblichen arabischen, und das heißt immer islamisch-arabischen, Einfluss auf seine Küche abzustreiten.


Abendland mit Deutschland verwechselt

Warum der Islam im Arbeitspapier der Christdemokraten neben antiker Philosophie und Judentum, neben Humanismus und Aufklärung nicht als prägend für unsere abendländische Kultur erwähnt wurde, erscheint zunächst rätselhaft. Bei genauerem Hinsehen kommt jedoch der Verdacht auf, dass hier Deutschland mit dem Abendland verwechselt wurde.

In Deutschland hat es tatsächlich alles gegeben, was in dieser Aufzählung vorkommt, nicht zuletzt auch römisches Recht. Im Gegensatz zum Abendland hat es in Deutschland aber niemals ein Kalifat gegeben, und genau dieser Aspekt wird in der Aufzaehlung nicht erwaehnt. Die Aufzählung passt also besser zu Deutschland als zum gesamten Abendland.

Falls es sich hier um eine Verwechslung handelt, wäre den christdemokratischen Kulturforschern zu empfehlen, das Wort Abendland gegen Deutschland auszutauschen. Falls es sich nicht um eine Verwechslung handelt, dann wären sie gut beraten, auch den Islam in ihre Liste der prägenden Einflüsse auf die Kultur des Abendlandes einzufügen


Döner im Duden

Der Döner kann als ein islamisch geprägtes Kulturgut angesehen werden. Erst vor wenigen Jahrzehnten ist er mit den muslimischen Türken nach Deutschland gekommen. Jetzt hat er auch seine offizielle Anerkennung als deutsches Kulturgut erhalten, nämlich als anerkanntes Wort der deutschen Sprache, und die gilt den deutschen Leitkulturwächtern doch sicherlich als das Allerheiligste.

Der Döner hat Einzug in den Duden 2000 gehalten, der sich selbst als "Standardwerk zur deutschen Sprache" bezeichnet. Der Duden definiert "Döner" als Kurzbezeichnung für "Dönerkebab".

Hat hier die Leitkultur oder das, was man dafür hält, bereits versagt?

Den Begriff "Leitkultur" kennt der Duden übrigens noch nicht. Darauf muss Deutschland wohl bis zur nächsten Auflage warten.

Nicht nur im Duden, auch im deutschen Volk hat der Döner der Leitkultur einiges voraus. Es ist anzunehmen, dass sich heutzutage mehr Deutsche unter einem Döner etwas vorstellen können als unter einer Leitkultur. Dabei wurde das Wort "Leitkultur" sogar zum "Wort des Jahres" nominiert und erreichte einen beachtlichen 9. Platz. Kein schlechtes Ergebnis, wenn man bedenkt, dass dieses Wort erst im letzten Quartal des Jahres 2000 der breiten Öffentlichkeit vorgestellt wurde.


Schwarzgeld schlägt Leitkultur

Vielleicht hätte es die Leitkultur auf den 1. Platz geschafft, wenn die Christdemokraten etwas eher damit herausgekommen wären. In diesem Jahr mussten sie sich jedoch zunächst mit dem Mangel an Leitkultur in den eigenen Reihen beschäftigen. Führende Parteimitglieder, die eigentlich von christlicher Aufrichtigkeit hätten geprägt sein müssen, hatten jahrelang Spenden verschwiegen, die meldepflichtig waren.

Als die Sache im November 1999 aufflog, parlamentarische Untersuchungsausschüsse eingesetzt wurden und ehemalige Parteivorsitzende sich zu ihren Suenden, gab es monatelangen Wirbel in den Medien. Der Wirbel hielt vor allem deshalb an, weil immer wieder neue Enthüllungen und Spekulationen auftauchten. Viele Geheimnisse sind bis heute nicht geklärt.

Hätten die Betroffenen wirklich christliche Reue gezeigt und sämtliche Fakten auf den Tisch gelegt, die Öffentlichkeit wäre zwar noch etwas entsetzter gewesen, als sie es ohnehin schon war, aber sie hätte es geschluckt und hätte sich bald wieder für andere Themen interssiert. Vielleicht wäre Friedrich Merz dann eher auf die Idee gekommen, von Leitkultur zu sprechen. So aber bestimmte nicht die Leitkultur sondern der Spendenskandal den Lauf der Dinge.

"Schwarzgeldaffäre" wurde das Wort des Jahres 2000. Schwarzgeld schlägt also zumindest auf diesem Gebiet die Leitkultur. Liegt darin vielleicht ein tieferer Sinn?

Auch der Begriff "Schwarzgeldaffäre" steht noch nicht im Duden. In der nächsten Ausgabe aber wird er sicher dort zu finden sein, denn der Duden führt auf der letzten Umschlagseite eine Liste aller "Wörter des Jahres" seit 1977. Sollte "Leitkultur" ebenfalls im nächsten Duden stehen, dann dürfen die deutschen Christdemokraten wieder etwas stolz sein. Innerhalb von einem Jahr hätten sie dann zwei Begriffe, die bis dahin noch in keinem Standardwerk der deutschen Sprache vertreten waren, für immer dort untergebracht.

Wenn das keine herausragende kulturelle Leistung ist!


Döner und deutsche Lexikonkultur

Hoffentlich werden die Deutschen bei der künftigen Definition der Leitkultur nicht enttäuscht. Neu aufgenommene Begriffe werden auch in deutschsprachigen Standardwerken nicht unbedingt korrekt erläutert. Zumindest bei der zukünftigen Definition des Döner hängt der Duden der aktuellen Entwicklung hinterher.

Jeder Deutsche mit Dönererfahrung weiß, dass er Fleisch im Fladenbrot bekommt, wenn er einen Döner bestellt. Im Duden steht nichts von Fladenbrot. Dort heißt es vielmehr hinter "Döner:" "Kebab aus an einem Drehspieß gebratenem Fleisch".

Der Dudendöner wird also ohne Fladenbrot serviert, denn wer nun nachschlägt, was ein Kebab ist, der findet als Erklärung: "am Spieß gebratene [Hammel]fleischstückchen". Was unterscheidet also den Dudendöner vom Kebab? Antwort: Der Kebab wird am Spieß gebraten, der Döner am Drehspieß. Ist das alles? Laut Duden ist das alles. Wie wir sehen, geht der Duden hier etwas an der Realitaet vorbei.

Die Esskultur auf deutschen Straßen scheint im Hinblick auf den Döner weiter zu sein als in der Dudenredaktion. Wird dort nie ein Döner bestellt, oder kommt der Döner dort nie mit Fladenbrot an? Es bleibt zu hoffen, dass der Dudendöner der nächsten Auflage nachgebessert wird. Das Defizit beim Döner sollte der Duden-Redaktion Ansporn sein, bei der Definition der Leitkultur sorgfältiger vorzugehen. Dann hätte der Döner sogar auf sprachlichem Wege einen wichtigen Beitrag zur deutschen Leitkultur geleistet.

Im Bertelsmann Lexikon Verlag kennt man sich beim Döner besser aus. Das Universal Lexikon 2001 definiert "Dönerkebab" als: "Fladenbrot gefüllt mit gebratenem Hammelfleisch vom Drehspieß."Das passt.Auch wenn der Döner mit Hühnerfleisch oder fuer nichtislamische Kunden mit Schweinefleisch angeboten wird, so handelt es sich doch um eine korrekte Definition. Der Bertelsmanndöner kommt der Wirklichkeit im deutschen Sprachgebrauch und damit der Wirklichkeit in der neuen deutschen Esskultur also wesentlich näher.

Andererseits hat der Duden wiederum gut aufgepasst, als er bei "Hammelfleisch" das "Hammel" in Klammern setzte. So findet in den Standardwerken der deutschen Sprache mal wieder ein kleiner Kulturkampf statt: Dudendöner gegen Bertelsmanndöner. Eine Umfrage unter deutschen Dönerkunden könnte zur Entschärfung beitragen.

Auch die Döneranbieter sollten gehört werden. Einige von ihnen behaupten, dass es den Begriff "Döner" in der Türkei gar nicht gibt. Dann wäre "Döner" eine sprachliche Neuschöpfung durch Türken auf deutschem Boden, eine kulturelle Gemeinschaftsleistung von geradezu beispielhaftem integrationsgehalt. Damit hätte der Döner tatsächlich eine kulturelle Leitfunktion in Deutschland übernommen.

Döner als Symbol der Leitkulturdiskussion

Niemand sollte an dieser Stelle einwenden, der Döner hätte bei der Diskussion um die deutschen Leitkultur nichts zu suchen. Das ist falsch. Richtig ist: Wer nicht weiß, was ein Döner ist, kann an der Diskussion um die Leitkultur nicht teilnehmen. Kein Geringerer als Friedrich Merz hat den Döner an hervorragender Stelle in diese Diskussion eingeführt.

Sein erster ausführlicher Beitrag zur Leitkultur, erschienen in der Zeitung "Die Welt" am 25.10.2000, wird mit einer Gegenüberstellung von Schweinebraten und Döner eingeleitet. Dort heißt es:

"Schweinebraten statt Döner, Deutschtümelei, Biedermeier, fünfziger Jahre - Rassismus! Kein Vorwurf aus dem wohlbekannten Arsenal der political correctness und der Gutmenschen in diesem Land, der nicht erhoben wird. Doch worum geht es?"

(Friedrich Merz, Einwanderung und Identität, Beitrag vom Vorsitzenden der CDU/CSU-Bundestagsfraktion in der Tageszeitung "Die Welt" vom 25.Oktober zur Diskussion um die "freiheitliche deutsche Leitkultur", http://www.cdu.de/ueber-uns/buvo/merz/fm-welt-leitkultur.htm , download 13.12.00)

Dass Merz dem Döner hier keinen Rinderbraten sondern einen Schweinebraten gegenüberstellt, hat nichts mit der aktuellen BSE-Problematik zu tun. Als Merz diesen Artikel schrieb, war Deutschland nach Auskunft der Bundesregierung noch BSE-frei. Merz hat vielmehr mit feinem Gespür für die religiöse Symbolik von Schweinefleisch auf den Unterschied zur islamisch geprägten und daher zunächst schweinefleischfreien Doenerkulturur hingewiesen.

Wenn Merz von seinen Wählern verstanden werden will, dann muss er sich aber darauf verlassen können, dass sie entweder schon wissen, was ein Döner ist, oder, falls sie es nicht wissen, dass sie in einem ordentlichen deutschen Wörterbuch zutreffend darüber informiert werden. Wie wir gesehen haben, ist das nicht immer der Fall. Der nach Aufklärung suchende deutsche Staatsbürger ohne praktische Dönererfahrung wird rein bildungsmässig mit einem Dudendöner und einem Bertelsmanndöner konfrontiert.

Hier zeigt sich, dass manchmal über Kulturinhalte eher auf der Strasse als in schlauen Büchern entschieden wird. Die Verfechter einer deutschen Leitkultur sollten das nicht übersehen.

Ehre wem Ehre gebührt, auch wenn es sich nur um so etwas Einfaches wie einen Döner handelt.


Leitkultur gegen islamischen Fundamentalismus

Es darf nicht übersehen werden, dass der Begriff "Leitkultur" spätestens seit 1998, also vor seiner christdemokratischen Verkundigung, von einem muslimischen Deutschen syrischer Herkunft in Vorträgen und Büchern ganz speziell für seine Idee von einer europäischen Version des Islam in Anspruch genommen ist. Mit allem Nachdruck weist der in Damaskus geborene und in Deutschland ausgebildete Hochschullehrer Bassam Tibi darauf hin, dass der Begriff "Leitkultur" von ihm geprägt wurde.

Bassam Tibi versteht Leitkultur nicht in einem nationalen deutschen sondern in einem internationalen Sinn, genauer gesagt als abendländisch-europäischen Wertekanon in Konkurrenz zu morgenländisch-islamischen Vorstellungen. Leitkultur ist bei Bassam Tibi ein Kampfbegriff in der Auseinandersetzung mit den Islamisten, das heißt mit muslimischen Fundamentalisten, die unter ihrer in Europa lebenden Gefolgschaft auch typisch orientalische Traditionen erhalten wissen wollen, die einem aufgeklärtem und freiheitlichen europäischen Denken fremd oder sogar entgegengesetzt sind.

Deutschlands wertkonservative Kräfte haben also feststellen müssen, dass ihr Schlagwort "Leitkultur" bereits eine nicht unerhebliche Schlagseite hat, nämlich in Richtung Islam. Vielleicht haben manche das nicht gewusst, als sie damit an die Öffentlichkeit gingen. Umsomehr müssen sie nun klarstellen, was mit ihrer "deutschen" Leitkultur in Abgrenzung zur muslimisch inspirierten Leitkultur des Bassam Tibi gemeint ist.

Den ersten Schritt dazu haben wir schon kennengelernt. Während Bassam Tibi seine Leitkultur strikt an säkularen Normen orientiert wissen will, also gerade nicht an religiösen Aussagen, die von ihren Verkündern als Glaubenswahrheiten bezeichnet werden, war in der Diskussion um die deutsche Leitkultur - wie bereits gezeigt - gleich die religiöse Ausrichtung zu erkennen. Man beeilte sich, von "christlich"-abendländischen Grundlagen zu sprechen.

Wenn nun deutsche Leitkultur auch christliche Leitkultur bedeuten soll, dann läuft das genau aufs Gegenteil von dem hinaus, was Bassam Tibi mit seinem Begriff von Leitkultur erreichen wollte. Bassam Tibi wollte gerade eine einseitig religiöse Definition vermeiden, die Christdemokraten bringen sie ausdrücklich hinein. Damit ist die von den Christdemokraten definierte Leitkultur etwas ganz anderes als das, was Tibi darunter versteht.

Bassam Tibi sucht eine Kultur, mit der sich Christen und Muslime gleichermaßen identifizieren können, eine europäisch-abendländische Identität. Seine Definition von Leitkultur kann integrationsfördernd sein. Die deutschen Christdemokraten plädieren für einen Kulturbegriff, mit dem sich Muslime wahrscheinlich nicht identifizieren können. Die christlich definierte Leitkultur ist daher integrationsfeindlich.

Ende

Info zum Herausgeber unter wolterswww.de. ·   Webmaster Torben Korte
Copyright © Thomas Wolters 2000  ·   In erster Version online am 21.12.2000